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17.02.2017

Austausch auf Augenhöhe

Psychose-Trialog des SpDi in Roth

Miteinander statt übereinander zu sprechen – das war das Ziel des Psychose-Trialogs im AWO Ernst-Rossmeissl-Sozialzentrum. Im Rahmen der Aktionswoche „GRENZen erLEBEN“ der Initiative „Psychische Gesundheit“ organisierte der Sozialpsychiatrische Dienst des AWO Kreisverbandes Roth-Schwabach e. V. ein Expertenforum mit Angehörigen, einer Betroffenen und einer Fachärztin.

Das Konzept eines Trialogs ist nicht neu. Gerade in Verbindung mit dem Schlagwort „Borderline“ gewann es in den vergangenen Jahren an Bekanntheit. Moderator und Diplom-Sozialpädagoge Thomas Schapoks fasste zusammen: „Bei einem Trialog geht es darum, sich auf Augenhöhe austauschen zu können. Das heißt nicht, dass unbedingt ein Konsens gefunden werden muss. Die Horizonterweiterung, das Nachdenken über andere Positionen und Alternativen stehen im Vordergrund.“

„Den Teufel im Leib“, „gespaltene Persönlichkeit“ – wer mit dem Begriff „Schizophrenie“ konfrontiert wird, hat in der Regel nur eine vage Vorstellung vom weiten Spektrum dieser Erkrankung und ihren Auswirkungen. So auch Frau G., bis sie im Alter von 25 Jahren selbst zur Betroffenen wurde. Mehrere psychotische Episoden, Psychiatrieaufenthalte und ihre Erfahrungen mit Neuroleptika, Medikamenten zur Reduzierung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen, bildeten für sie den Anlass, sich intensiv mit der Diagnose Schizophrenie auseinanderzusetzen und zur EX-IN-Genesungsbegleiterin ausbilden zu lassen. Die Abkürzung steht dabei für „Experienced Involvement“ und den Leitgedanken, das Expertenwissen von psychisch stabilen Menschen mit Psychiatrieerfahrung für akut erkrankte Personen zu nutzen. Im Idealfall können Genesungsbegleiter ergänzend zu Fachkräften bei der Behandlung von Betroffenen eingesetzt werden.

Krankheit mit vielen Gesichtern

Wie groß die Kluft zwischen einem Menschen mit Schizophrenie und seinen nächsten Angehörigen sein kann, wussten auch die Eltern eines Betroffenen, Frau B. und Herr F., zu berichten. Nach seinem 22. Geburtstag veränderte sich ihr bis dahin „immer gesundes Kind“ stark. Der Junge, den sie kannten, verhängte auf einmal Fenster und Schlüssellöcher, verweigerte Nahrung, irrte tagelang auf der Straße umher und vernachlässigte sein Äußeres. „Ich habe mir die Augen ausgeweint. Jeden Tag war die Angst um ihn mein erster und mein letzter Gedanke“, schilderte die Mutter, die sich schließlich an die Beratungsstelle für seelische Gesundheit wandte. Der Vater musste ebenfalls erst lernen, mit seinem erkrankten Sohn und den im Alltag aufkommenden Gefühlen von Hilflosigkeit und Ärger umzugehen: „Ich muss auch einmal sagen dürfen: ‚Du bringst mich an meine Grenzen!‘“

Michaela Filipp, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, wies anschließend darauf hin, dass sich hinter dem Begriff „Psychose“ sehr unterschiedliche Krankheitsbilder verbergen. Neben den psychotischen Syndromen, die infolge eines Rauschzustandes, Missbrauchs illegaler Substanzen, Alkohol oder durch Antibiotika entstehen können, gibt es die Schizophrenie, deren Ursachen bis heute nicht vollständig geklärt seien. Eine genetische Komponente könne ebenso wie Umweltfaktoren, also die psychosozialen Entwicklungsbedingungen oder belastende Lebensereignisse, eine Rolle spielen. Filipp betonte: „Vererbt wird nicht die Krankheit, sondern lediglich eine höhere Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken.“ Die Symptome zeigen sich dabei sehr vielgesichtig. Man unterscheidet zwischen einer Plus- und Minussymptomatik. Im ersten Fall gibt es ein „Mehr“, etwas das über das „normale Erleben“ hinausgeht, wie Wahrnehmungs- und Denkstörungen. Möglich ist aber auch „weniger“, beispielsweise ein geringerer Antrieb, soziale Rückzugstendenzen, Gefühlsverarmung sowie verminderte Mimik und Gestik.

Schwer auszuhalten

Kontrovers wurde an diesem Abend die Frage diskutiert, wie in einer akuten psychotischen Phase die konstruktive Auseinandersetzung zwischen allen Beteiligten gelingen kann. Denn gerade Familienmitglieder erleben diese Situationen oft als verstörend. Aber auch professionelle Kräfte stoßen bei fehlender Krankheitseinsicht an Grenzen. „Freiheitsrechte zu akzeptieren, ist von außen oft schwer auszuhalten“, ergänzt Fr. G., die leidenschaftlich für eine ganzheitliche Betrachtung und sprachliche Sensibilität wirbt. Stigmatisierung beginne bereits bei der Reduzierung einer Person auf die Erkrankung, etwa bei der Verwendung des Wortes „Psychotiker“ anstelle von „Menschen mit Psychosen“. Auch die medikamentöse Behandlung sei nicht immer der Königsweg, da sie häufig mit erheblichen Nebenwirkungen und einer eingeschränkten Lebensqualität einhergehe.

Dies deckte sich mit der Angehörigenperspektive. Herr F. berichtete zum Beispiel von einer massiven Gewichtszunahme seines Sohnes infolge der Medikamenteneinnahme. Aus ärztlicher Sicht werden deswegen seit geraumer Zeit ergänzende Behandlungsmaßnahmen empfohlen. In der klinischen Praxis konnte Filipp gute Erfahrungen mit der Psychoedukation, der Aufklärung von Betroffenen über ihre Krankheit, und dem Austausch in Gruppen sammeln. Langfristig seien so größere Behandlungserfolge und weniger schwere Verläufe zu beobachten.

„Nicht in eine Ecke schieben“

Zum Abschluss lud Schapoks zur Äußerung von Zukunftswünschen ein. „Nicht immer zusammenzucken, nicht in eine Ecke schieben“, war für Frau B. als Mutter besonders wichtig. Frau G. plädierte hingegen für die Schaffung von Alternativen zu Klinikaufenthalten in Form von Krisenpensionen für Menschen in einer psychotischen Phase. Mängel in der stationären Versorgung sah Filipp ebenfalls: „Pfleger sollten sich Zeit für Gespräche nehmen können.“ Der Personalschlüssel sei dafür im Moment jedoch zu niedrig.

 NADJA GSCHWENDTNER